RB-2019-02-14-TOP4-Innenstadt-zukunftsfähig-gestalten-BF-L&P.pdf (15 Downloads)

REDEBEITRAG

der wohnungspolitischen Sprecherin der LINKE&PIRATEN Rathausfraktion, Brigitte Forßbohm, in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 14. Februar 2019 zum Tagesordnungspunkt 4: „Innenstadt zukunftsfähig machen“.

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Frau Stadtverordnetenvorsteherin,

sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst einmal finde ich es gut, dass hier mal nicht um die so genannte Sicherheit geht, als ob dies das Hauptproblem der Innenstadt sei und polizeiliche Muskelspielereien etwas zu deren Attraktivität beitragen könnten.

Der Antrag stützt sich auf die Studie der IFH Köln „Vitale Innenstädte“, die auf einer breiten Datenbasis aufgrund von Befragungen von Besucher*innen in deutschen Innenstädten beruht. Ich hätte gerne mal reingeschaut, aber 790 Euro sind dann doch ein bisschen viel für mein Budget. Also muss ich mich mit wenigen Aussagen begnügen, die seitens IFH Köln kostenlos zur Verfügung gestellt werden und mich ansonsten auf meine eigenen Überlegungen und Beobachtungen stützen.

Kritisch möchte ich zum Ansatz der Studie sagen, dass ich so meine Zweifel habe, dass Besucher*innen von Innenstädten sich spontan ganz bewusst sind, warum sie hier rumlaufen, außer sie haben ein ganz bestimmtes Ziel. Was wir in der Innenstadt brauchen, ist aber nicht das zielgerichtete Abarbeiten des Einkaufszettels, das lässt sich in einem großen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese unter Umständen besser erledigen. Wir sollten dafür sorgen, dass in der Innenstadt wieder flaniert wird. Einfach verweilen oder herumspazieren, sich Schaufenster ansehen, etwas entdecken, im Café sitzen, Passanten zuschauen und auch mal was kaufen, was man gar nicht vorhatte, einfach, weil es sich so ergeben hat und ein Angebot da war, mit man nicht gerechnet hat.

Das deckt sich durchaus mit Ergebnissen der Studie, nach der Gebäude der Innenstadt gefolgt von Plätzen und Grünflächen aus Sicht der Befragten für das Ambiente und Flair einer Innenstadt sehr wichtig sind. Besonders gut beurteilt wurden demgemäß Innenstädte mit einem historischen Stadtkern wie Bernkastel, Erfurt und Quedlinburg.

Die Studie schließt daraus, dass der Pflege und Vermarktung eines historischen Stadtkerns eine hohe Bedeutung beigemessen werden sollte.

Da sollten wir mal mit offenen Augen und einem sehr kritischen Blick durch die Innenstadt gehen. Auch in der Haupteinkaufsmeile Kirchgasse und Langgasse gibt es schöne Gebäude. Oft sind sie aber als solche nicht wahrnehmbar, weil sie mit schreienden Farben die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich ziehen wollen. Dabei ist ihnen egal, dass die Kunden den Laden nur betreten, weil sie müssen, um etwas Bestimmtes kaufen oder zu erledigen, nicht weil sie sich vom Ambiente anzogen fühlen würden.

Besonders schöne Gassen haben wir seitlich der Haupteinkaufsmeile. Die aufs Mittelalter zurückgehenden Straßenverläufe, beispielsweise im Schiffchen, Wagemannstraße und Grabenstraße, sind schön restauriert und vermitteln ein Altstadtgefühl, auch wenn die meisten Gebäude gar nicht so alt sind. Das funktioniert gut. Es gibt eine attraktive Gastronomie und ein vielfältiges Angebot in kleinen Läden, die sich oft schon sehr lange halten. Es funktioniert aber dort nicht, wo dieses Ambiente gestört ist und der öffentliche Raum beschädigt ist wie z. B. in der Wagemannstraße mit der Rückseite der ehemaligen Sportarena. Die gegenüberliegenden Weinstuben existieren nicht mehr und gut laufende Geschäfte gibt es nur bei entsprechendem Abstand von den Verunstaltungen.

Ich habe hier schon mal darauf hingewiesen, dass Großhändler die Rückseiten ihrer Geschäfte verkommen lassen wie H&M seine zum Kirchenreulchen hin gelagerte Seite. Auch das Luisenforum gestaltet die zur Luisenstraße hin gelegene Seite nicht. Es gibt keine Ausgänge mehr, so dass die Luisenstraße in diesem Bereich einen toten Durchgang zur Schwalbacher Straße bildet. Traurig auch die kleine Straße, die von der Marktstraße am Landtag vorbei zur Grabenstraße führt. Da könnte man doch etwas draus machen!

Solche Verunstaltungen werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Im Gegenteil, wir müssen all die schönen schattigen Plätzchen und alten Straßen so gestalten, dass man sie gerne aufsucht, dass sie die Entdeckerfreude der Besucher*innen anregen und zum Verweilen einladen.

Der OBR Mitte hat sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt und einen Antrag zur Neugestaltung des Plätzchens zwischen Bonifatiuskirche und der Rückseite von H&M gestellt.

Desweiteren hat er beantragt, der Magistrat möge prüfen, die Ortssatzung dahingehend zu überarbeiten, anliegende Geschäfte zu verpflichten, nicht nur ihre Schauseiten zu den großen Geschäftsstraßen hin, sondern auch ihre zum öffentlichen Raum hin gelegenen Rückseiten zu gestalten und zu pflegen, Mülltonnen außerhalb des öffentlichen Raums unterzubringen oder einzufrieden.

Ich bitte den Magistrat  diese Anträge zu berücksichtigen und auch den hier vorliegenden Antrag, dem wir zustimmen werden, in diesem Sinne zu verstehen und aktiv zu werden.