REDEBEITRAG

Des kulturpolitischen Sprechers und Fraktionsvorsitzenden Hartmut Bohrer  in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 06. September 2018 zur Aktuellen Stunde: „Wiesbadener Biennale 2018“.

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Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Vorsitzende,

geehrte Damen und Herren,

eine Erdogan-Statue auf dem Platz der deutschen Einheit – „Diese Aktion geht in die Kunstgeschichte ein“, titelte die Wiesbadener Tagespresse vergangene Woche. Ob diese „Aktion“ im Rahmen der Biennale tatsächlich für Wiesbaden von kulturhistorischer Bedeutung gewesen ist, wird erst mit größerem zeitlichem Abstand beurteilt werden können.

Kulturgeschichtliche Bedeutung hatte in der Tat die provokante Zertrümmerung eines Konzertflügels im Rahmen der „Fluxus – Internationale Festspiele Neueste Musik“ in Wiesbaden im September 1962. Die Zertrümmerung des Flügels und die dadurch erzeugten Klänge „markieren die Geburtsstunde der Fluxus-Bewegung“, wie es in einem Lexikon heißt.

Ob nun mit der Aufstellung der Erdogan-Statue eine neue Kunstrichtung begründet wurde, wird sich zeigen. Vielleicht werden künftig noch andere Statuen als Kunstaktion im öffentlichen Raum aufgestellt, die umstrittene Staatsoberhäupter zeigen – so vielleicht Donald Trump auf dem Paulusplatz in Mainz-Kastel, in Sichtweite des zentralen Kommunikationszentrums des NSA für Afrika, Asien und Europa. Mal sehen, wer sich dann provozieren lässt.

Aber das wird vermutlich schon deshalb nicht während einer Biennale passieren, weil die wie der Wiesbadener Kunstsommer traditionell auf das historische Fünfeck und seine unmittelbare Umgebung beschränkt wird.

Mit Kunst zu provozieren und politische Wirkung erzielen zu wollen, ist völlig legitim. Problematisch allerdings war die Wahl des Aufstellungsorts im Zusammenhang mit der dargestellten Person, dem türkischen Staatschef.

Die zu erwartenden Auseinandersetzungen um diese Figur beinhalteten das absehbare Risiko, dass Vorbehalte gegen Menschen mit so genanntem „türkischen Migrationshintergrund“ genährt werden. Prompt nutzt dies die AfD für ihre fremdenfeindliche Politik und spricht von einer „türkischen Community“, durch deren interne Auseinandersetzungen Entscheidungen aufgezwungen würden, die einer freiheitlich-grundgesetzlichen Ordnung im Wege stehen. Das ist natürlich fremdenfeindlicher Unfug. Erstens gibt es nicht die „türkische Community“, sondern es gibt laut städtischer Statistik rund 16.800 in Wiesbaden gemeldete Personen mit so genanntem „türkischen Migrationshintergrund“ – von insgesamt rund 295.000. Von den Personen, die – wie vom Oberbürgermeister vorgetragen – an „körperlichen Auseinandersetzungen“ beteiligt waren, die als Begründung für den Abbau der Statue angeführt wurden, ist nicht bekannt, wie viele es waren, ob sie einen „Migrationshintergrund“ hatten und wenn ja, welchen. Festzustellen ist jedenfalls, dass wohl nur eine sehr kleine Anzahl von Menschen an „körperlichen Auseinandersetzungen“ beteiligt war bzw. gewesen sein soll. Vor Bundesligaspielen, bei denen heftige körperliche Auseinandersetzungen außerhalb des Spielfelds zu erwarten sind, wird regelmäßig mit einem Millionenaufwand an Kosten zur Aufrechterhaltung der Ordnung selbstverständlich dafür gesorgt, dass das angesetzte Spiel stattfinden kann.

Es wurde laut Presse erklärt, dass am Platz der deutschen Einheit die Aufrechterhaltung der Ordnung nicht mehr gewährleistet werden konnte und deshalb bereits nach einem Tag die Statue abgebaut werden musste. Das löst bei vielen, besonders bei Kulturschaffenden, Unverständnis aus. Soll dieses Beispiel Schule machen, dass provokante Kunstwerke nicht mehr gezeigt werden dürfen oder aus der Öffentlichkeit entfernt werden, wenn „nicht ausgeschlossen werden kann“, dass Kritiker Gewalt anwenden könnten? Das darf nicht sein. Wir erwarten nicht Lippenbekenntnisse zur Kunstfreiheit, sondern entsprechendes Handeln!

Ich danke für die Aufmerksamkeit.